“Fairytales and Hollywood movies have led us to interpret the warning sings of domestic abuse - obsession, jealousy, possessiveness - as sings of passion, not danger.” (Jess Hill)
Eine sensiblere Darstellung von Partnerschaftsgewalt
Warum ist das wichtig?
Der gefährlichste Ort für Frauen in Mitteleuropa ist die eigene Beziehung. Weltweit erfährt eine von drei Frauen körperliche oder sexualisierte Gewalt, die meisten innerhalb von Partnerschaften. Und auch Männer sind betroffen, in Deutschland beispielsweise ist jedes fünfte Opfer von Partnerschaftsgewalt männlich.
Gewaltbeziehungen sind also ein großer Teil unserer gesellschaftlichen Realität und genau die will ja häufig in Filmen (mit-)erzählt werden. Filme haben also auch dazu beigetragen Grenzüberschreitungen und die Anfänge von Gewalt als Grauzonen zu deklarieren beziehungsweise sie zu verharmlosen oder sogar zu romantisieren.
Die filmische Wirklichkeit ist keine die nur im fiktiven Raum des Films bleibt. Vielmehr wirkt sie in andere Realitäten hinein. Menschen greifen auf Vorstellungen zurück, wenn sie handeln. Und diese müssen nicht zwingend im echten Leben passiert sein. Sie können auch aus fiktionalen Darstellungen folgen.

Einleitung
Die Grundlagen
Es geht hier nicht (nur) um Schläge, Vergewaltigung und Mord. In manchen der gewaltvollsten Beziehungen ist körperliche Gewalt selten oder sogar nicht vorhanden. Partnerschaftsgewalt bedeutet vor allem psychische Gewalt.
Anhaltende psychische Gewalt höhlt die Betroffenen allmählich von innen seelisch aus. Der Wille wird gebrochen, die eigene Entwertung wird als Wahrheit anerkannt. Die langsame Steigerung der Gewalt führt dazu, dass die Partner:innen die Gewalt nur schwer als solche identifizieren – und auch von außen bleibt die Gewalt häufig unentdeckt. Familiensysteme und soziale Beziehungen sind nicht unabhängig vom Gesellschaftssystem und unterliegen daher auch der darin innewohnenden strukturellen Gewalt. Häufig sind finanzielle Abhängigkeit oder gesellschaftliches Bagatellisieren (oder gar Schuldumkehr) zentrale Aspekte, die eine Gewaltbeziehung langfristig am Leben halten.
Keine Gewaltbeziehung gleicht einer anderen. Es gibt aber systematische Parallelen, die in diesem Leitfaden in 4 Kapitel aufgeschlüsselt werden: Darstellung, Dramaturgie, Figur, Selbstcheck
Statt Klischees zu reinszenieren, können Filme auch zur Aufklärung und Prävention von Partnerschaftsgewalt beitragen.
Die Gewalt tritt in verschiedenen Formen auf
Darstellung
“Darstellung” bezieht sich hier auf die Darstellung auf der Handlungsebene. Visuelle Darstellungen (Kameraperspektiven, Schnittrhytmus ect.) werden in diesem Leitfaden nicht berücksichtigt.
So wie es tausende Möglichkeiten gibt Gewalt auszuüben, gibt es auch tausende Möglichkeiten Gewalt darzustellen. Partnerschaftsgewalt hat viele Gesichter. Dies zu verstehen ist der erste Schritt zur sensiblen Darstellung von Gewalt in Beziehungen. Es geht also überwiegend darum, dass die Gewalt innerhalb von intimen Beziehungen vielschichtig dargestellt wird. Für eine sensiblere Darstellung von Partnerschaftsgewalt ist es förderlich….
… eine gewisse Anzahl an Gewaltdarstellungen zu zeigen.
… die psychische Gewalt am stärksten zu thematisieren.
Nebenwirkung: Die Einarbeitung verschiedner Gewaltformen in die Filmgeschichte führt zu ganz unterschiedlichen visuellen Eindrücken (zum Beispiel stellt man verbale Gewalt anders dar als soziale Gewalt). Dies fördert die Spannung im Film und sorgt für Überraschungseffekte.


Die Gewalt tritt in Phasen auf
Dramaturgie
Die Qual der Wahl findet sich bereits im Schreiben des Drehbuchs. Denn dem Film stehen endlos viele dramaturgische Varianten zur Verfügung. So kann auch die Inszenierung einer Gewaltbeziehung ganz unterschiedliche Formen annehmen.
Es gibt aber ein Element, das sie auf jeden Fall beinhalten sollte: die Gewaltspirale. In Ruhezeiten können Gewaltbeziehungen auch liebevoll sein. Dies macht es auch so schwierig aus ihnen auszusteigen. Die Realität wird oft durch einen “Schleier der Liebe” verharmlost, die Gewalt wird “verziehen” oder “vergessen”. Um Beziehungsgewalt sensibel und realitätsnah zu inszenieren ist es also essentiell…
… die Gewaltspirale vollständig darzustellen.
Nebenwirkung: Die Einarbeitung der Gewaltspirale in die Erzählung bringt automatisch einen Konflikt mit sich (Should I stay or should I go?) – Und den benötigt ein Film für gewöhnlich, denn der Konflikt ist die treibende Kraft in den meisten Filmhandlungen.


Die Gewalt verändert die Betroffenen
Figur
Egal wie ausgefuchst die Dramaturgie eines Films ist, entscheidend für den Erfolg sind die Filmfiguren – erst sie hauchen den Geschichten Leben ein.
Kein Mensch und so auch keine Filmfigur würde bewusst eine gewaltvolle Beziehung eingehen. Das tückische ist, dass die erste Phase einem ganz normalen Start in eine Beziehung gleicht – zwei Menschen verlieben sich. Und wenn die Gewalt beginnt, ist die tätliche Person die intimste Bezugsperson. Einem körperlichen Angriff gehen viele Stufen voraus. Das Opfer ist emotional dann so sehr verstrickt mit dem/ der Täter:in, dass es die körperliche Gewaltanwendung vielleicht gar nicht mehr als solche wahrnimmt. Beziehungsgewalt ist eine Verstrickung aus Abhängigkeiten, Hass und Liebe. Für eine sensible Darstellung von Partnerschaftsgewalt ist es förderlich…
… die physische Gewalt gekoppelt mit der Stufe der “inneren Starre” zu zeigen.
Nebenwirkung: Durch die Einarbeitung der psychischen Abwärtsspirale wird der äußere Konflikt der Geschichte zum inneren Konflikt der Filmfigur. Das schafft Tiefe. Umso mehr Stufen der psychischen Abwärtsspirale sie durchläuft, umso eher kann sich das Publikum mit ihr identifizieren.


Die Gewalt unterliegt gesellschaftlichen Normen
Selbstcheck
Gratulation! Du hast bereits ein Drehbuch oder einen Film geschaffen. Dann ist dein Werk bereit zum Selbstcheck. Unabhängig von Kernthema und Genre können diese Fragen wichtige Hinweise zur Einschätzung der Sensibilität eines Filmwerkes bringen oder zur Verbesserung des Drehbuchs führen.
Nebenwirkung: Die sensible Darstellung von Partnerschaftsgewalt könnte zu mehr Bewusstsein in der Gesellschaft führen und damit zum sensibleren Umgang mit Betroffenen oder sogar zur Gewaltprävention beitragen.
Partnerschaftsgewalt ist ein komplexes, multidimensionales Gewaltphänomen, das über körperliche Übergriffe hinausgeht und besonders im Bereich psychischer Gewalt tiefgreifende, oft unsichtbare Spuren bei den Betroffenen hinterlässt. Eine realitätsnahe filmische Darstellung muss daher psychische Gewalt sichtbar machen, sie im Kontext struktureller Machtverhältnisse einbetten und die subjektive Wahrnehmung der Betroffenen nachvollziehbar inszenieren.
Der folgende Fragebogen bietet einen Kriterienkatalog, der als Instrument zur Analyse filmischer Darstellungssensibilität dient. Er trägt dazu bei, problematische Narrative zu identifizieren und bietet Filmschaffenden eine Orientierungshilfe für einen verantwortungs-bewussteren Umgang mit dem Thema Partnerschaftsgewalt während der Erstellung von Drehbüchern oder in der Vorbereitung auf Dreharbeiten.
Jede Frage kann mit Ja oder Nein beantwortet werden.




Zeige verschiedene Formen von Gewalt und fokussiere dabei die psychische Gewalt! Zeige körperliche und sexualisierte Gewalt nur so viel wie nötig! Stelle die Gewaltspirale vollständig dar! Beachte die psychische Abwärtsspirale! Erfinde keine Gründe für die Gewalt im Milieu oder in der psychischen Verfassung des/ der Täter:in! Zeige das Opfer als wehrhaft und mutig! Stelle die Perspektive des Opfers dar! Bedenke auch die Darstellung der strukturellen Dimension von Gewalt! Weise auf professionelle Hilfe hin! Bedenke die Folgeerscheinungen von anhaltender Gewalt (während und nach der Beziehung)!
Herzlichen Dank an alle Unterstützer:innen!
Für die filmische Expertise: Lisa Hasenhütl, Thomas Rossipaul, Valerie Keller, Tatjana Berlakovich, Ajda Sticker, Dominik Posch
Für die fachliche Expertise: Andrea Lienhart, Isabella Emhofer, Theresa Gschwendner
Für die dramaturgische Expertise: Susanne Siebel, Sabine Varetza-Pekarz
Für den ständigen Austausch, der die inhaltliche Basis mutgeschaffen hat (und die Rechtschreibung und Grammatik auf ein angenehmes Maß gebracht hat) bedanke ich mich bei Theresa Gschwendner, Hanna Vogel und Marie Farag!
Und ein besonderer Dank für die Liebe und Geduld, die es brauchte um dieses Projekt abzuschließen, gilt Floriano Schneiter Ruf!




